Unterwegs. 7. Juli 1881

Ich bin wieder einmal unterwegs, so gut dies eben ein nicht ganz gangsicheres Bein gestattet, das seine Heilung auf das Warmbad Villach gesetzt hat, zu dem ich jeden frühen Morgen aus der Villa ad aquas hinauswandere. Den noch nicht ermattenden Sonnenschein auf den Wegen, die singenden Lerchen über mir und die langgezogene Kette der Karawanken vor mir in Sicht: bringe es da ein Anderer fertig und zügle feine Sehnsucht, wenn er Italien gleichsam vor den Thoren liegen und in nicht vollen drei Stunden über TarviS hinaus erreichbar hat. Ich brächte es wie jeder andere „Bergfex" zuwege und könnte alle die hohen Häupter der Karawanken-Kette bei ihren Namen aufrufen, beschränke mich aber nur darauf, den „Mannhart" und den „Mittagskofel" als die Thorhüter Italiens zu nennen. Das Wesen des Naturcultus liegt für mich nicht in einer wohlfeil er erlernten Nomenclatur dieser Berghäupter, hinter denen sich mancher Zauber erschließen würde, welchen die mit solcher Kenntniß ausgerüsteten Touristen noch lange nicht als Schatz gehoben haben. Diese topographische Weisheit könnte allenfalls dem Ungar imponiren, der sein Votum über astronomische Dinge also formulirte: „Das Eintreffen von Sonnen- und Mondesfinsternissen auf Tag und Stunde bestimmen, den Abstand der Gestirne von der Erde aus die Meile anzugeben, ist gewiß recht schön, läßt sich aber berechnen; doch alle die abertausend Sterne bei ihren Namen zu kennen und zu nennen, das ist Triumph der Wissenschaft." Vorgestern war ich bei dem Patrioten Dr. Adolph Fischhof zu Besuch in Emmersdorf und hatte von seinem Tusculnm aus, vas seinem leiblichen und geistigen Heile immerdar wie jetzt zu statten kommen möge, die ganze Gebirgscurve bis zum Dobratsch hinauf und hinunter bis zu den steierischen Alpen in deutlicher Sicht, und heute kam ich von einem Ausfluge nach einem kleinen Stücke Italiens zurück. Von der Confine Pontafel-Ponteba bis hinab zur Chiusaforte ist immerhin ein Stück, jedoch nur ein dürftiges Fragment, aus dem ich mir mit dem ganzen Aufgebote meiner Phantasie nicht wie aus einem Kugelsegmente das volle Kaliber aller Schönheit Italiens herzustellen vermag. Herrlich aber bleibt es trotz alledem; und eine Fahrt, wie ich sie gestern im leichten Wägelchen von Pontafel ab nach Chiusaforte machte, verbuche ich zu meinen schönsten Reise-Erinnerungen. Durch ein prächtiges Alpenthal fährt man von Tarvis bis zu den Grenzorten, und dieser Charakter verliert sich auch nicht aus der Friauler oder italienischen Seite. Ob auch stellenweise die Bergpfeiler des von der Fella durchrauschten Thales, die aber hoch hinauf mit grünem Waldwuchs und mit saftigen Tristen bedeckt sind, sich näher und förmlich an den Leib rücken: sein freundlich friedliches Aussehen büßt es dennoch nicht ein, und das Wort Chiusa darf uns nicht schrecken und bedeutet nicht eine Thalsperre, wie bei Klausen an der Rienz oder wie die Berner-Klause, bevor wir nach Verona hinauskommen. Ein netter und fast vornehm aussehender Ort ist Chiusaforte, er trägt den Typus verlumpter wälscher Dörfer das über der Fella liegende Raccolana am Ausgauge des gleichnamigen Thales, durch das es in sechs Stunden hinüber zum Raiblsee in Kärnten geht. Man braucht kein Bauverständiger zu sein und muß auf der Strecke von Ponteba bis Chiusaforte die Ueberzeugung gewinnen, daß die Italiener mit sämmtlichen Bau-Objecten, die in allen Variationen der Eisenbahntechnik spielen, eine hochinteressante und überaus solide Arbeit hergestellt haben. Daneben läßt sich freilich auch nicht die gewöhnliche Straße spotten, die noch auf Rechnung der österreichischen Besitzherrschaft kommt und im besten Stande erhalten wird. Pontafel-Ponteba, Deutschland-Italien, und Beides verbindet eine Brücke, unter welcher der Wildbach Pontebbana zur rauschenden Fella passirt. Man hat wiederholt von dem grellen Abstande der beiden Ortschaften gesprochen und die deutsche Reinlichkeit auf Kosten der Nachbarcommune herausgestrichen. Ich mache nicht gerne die Fremde zu Gunsten der Heimat herunter und finde darin nichts Lächerliches, wenn ich auf dein Schilde eines Barbiers den Namen Aristodemo lese. Ich möchte nur wünschen, daß sich Deutsche und Czechen so freundlich und friedlich vertrügen, wie Pontafler und Pontebaner und sich bei Kaffee und Bier wechselseitig ihre Besuche abstatten. Das Idiom, jedes für sich einer Cultursprache entstammend, trennt hier nicht die Freunde, und sie bewahren selbstständig ohne Trotz und Herausforderung ihre National - Eigenheiten, in deren verschiedenem Colorit kein giftiges Arsenik zu finden ist. Ein Engländer, der nach meiner Rückehr von Chiusaforte mit mir sein Abendbrot verzehrte, hat ganz reizende Exemplare von Wulfenia von einer Höhe bei Pontafel heruntergebracht. Er ist seines Zeichens Botaniker, und ich muß ihm diesen Fund, der sich ja doch nur auf einen einzigen Alpenboden in Kärnten beschränkt, wol auf das Wort glauben. Der Mann sah krank und gebrechlich aus, und trotzdem steigt er seit einer Woche alle Berghöhen ab. Das war ein Appell, mein krankes Bein nicht zu sehr zu verhätscheln, dem ich immerhin einen kurzen Ausflug in das Vogelbachthal ganz nahe bei Pontafel zumuthen durfte. Die Vögel singen wol nicht in diesem Thäle, dafür ist es aber wegen seines Petrefacten-Reichthums berühmt. Ich muß nicht die Eignung für Alles, was Reichthum heißt, haben, denn ich fand, wie sehr ich meine Augen anstrengte, auch nicht die Spur einer Versteinerung. Das versteinert mich aber nicht gegen das Vogelbachthal, das in seiner oberen Stufe, zu der man als Schwindelfreier auf halbausgebrochener Steintreppe gelangt und von der ein Bächlein als Wasserfall niedergeht, einen einsamen Felsenkessel bildet, den ich mit dem großen Höllenthale bei Reichenau vergleichen möchte. Nach diesem Ausfluge fuhr ich nach Villach; eine Fahrtunterbrechung in Tarvis, um den Raiblsee zu besuchen, unterblieb, weil drohendes Gewölke am Himmel davon abrieth, das sich auch, während ich dies schrieb, in einem tüchtigen Gewitter entlud.

Johannes Nordmann , Neue Freie Presse, 12.07.1881
ANNO/Österreichische Nationalbibliothek

Pontafel - Pontebba
31.08.1898 Gruss aus Chiusaforte
Chiusaforte

Trattoria F.lli Martina - Via Roma, 38 - 33010 Chiusaforte ( Ud) Italia

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